Hallo Alle,
mal wieder muss ich mich dafuer entschuldigen, so lange nicht geschrieben zu haben. Schuld ist hauptsaechlich die unfassbare Fuelle an Eindruecken und Ideen, so dass es schwer faellt herauszufinden, was ich schreiben soll und was nicht. Ausserdem bin ich nach 20km laufen durch den Wald jeden Tag, mit allem Zubehoer, meistens recht fertig. Aber heute habe ich mal Zeit und Energie, also hier der erste Eintrag aus dem Wald.
Die Budongo Forest Conservation Station, wie wir offiziell heissen, liegt im Budongo Regenwald, dicht am Lake Albert. Frueher war an selber Stelle eine Saegemuehle fuer Mahagonie und andere Tropenhoelzer, gluecklicherweise wurde der (legale) Holzabbau allerdings eingestellt und das Ganze in ein Naturreservat verwandelt, vor allem wegen der hohen Dichte an Affen, aber auch weil der Wald selber der letzte seiner Art in Uganda ist. Wir wohnen in einem Camp in den alten Verwaltungsgebaeuden der Saegemuehle. Im Moment sind wir 8 weisse Forscher, einige Einheimische Tieraerzte und Studenten, ein paar Frauen die manchmal kochen und ansonsten alles sauber halten, und eine ganze Menge Feldassisstenten, Fallensucher, Wegeschneider und so weiter. Die Fallensucher brauchen wir, da es immer noch viele Schlingen und andere Fallen fuer die Tiere, hauptsaechlich Antilopen, gibt, und die Schimpansen sich oft darin verfangen und dann eine Hand oder einen Fuss verlieren. Ein Drittel unserer Schimpansen haben Behinderungen deswegen. Zum Glueck ist unser Abschnitt allerdings nach 20 Jahren Arbeit fast fallenfrei. Das Leben im Camp ist sehr einfach, wenn auch sehr gut ausgestattet. Wir haben Elektrizitaet von Solarzellen, Wasser aus Dutzenden riesigen Regenwassertanks was dann fuer's Trinken gefiltert wird, wir haben Duschen und wenn wir danach fragen wird auch fuer uns gekocht. Wir haben sogar Handy- und Internetempfang, allerdings nur an einigen sehr seltsam verteilten Punkten im Camp, was oft zu einer Horde herumwandernder Wissenschaftler fuehrt, die verzweifelt ihren Laptop in die Hoehe recken auf der Suche nach Internet. Alles in allem ist es aber sehr gemuetlich, und ein sehr angenehmes Leben.
Die Arbeit im Wald macht unheimlich viel Spass (Solange es nicht regnet, aber die Trockenzeit geht gerade los), aber ist oft wirklich anstrengend. Da ich als Einziger nicht mit den Schimpansen arbeite, habe ich kuerzere Arbeitszeiten als die anderen, von denen einige von 6:00 bis 18:00 unterwegs sind, waehrend ich einen schoenen 8:00 bis 15:30 Tag habe, allerdings muss ich auch meine 15kg Zubehoer schleppen, und laufe auf der Suche nach meinen verschiedene Affengruppe auch oft mehr. Mit mir im Wald ist Moses, mein Feldassisstent. Moses war anfangs nicht sehr gespraechig, sein Englisch ist nicht das Beste (genau wie mein Swahili, Arabisch und Koi-han, seine Muttersprachen), aber ich glaube langsam kommen wir uns naeher und er findet Gefallen daran, Aeffchen zu erschrecken. Die Studie laeuft eigentlich recht gut an, die ersten Tage waren dazu da, meine Diadem-Meerkatzen im Wald zu finden, und jetzt schleichen wir uns mit meinem Lautsprecher von hinten an sie an und sehen, wie sie auf die Rufe reagieren, die ich ihnen vorspiele. Erstaunlicherweise haben mich 15 Jahre Computerspiele nicht gut auf's Schleichen vorbereitet (haettet man ja meinen koennen), aber langsam werde ich besser, wir kommen sehr dicht an die Affen ran. Und es gibt wenig suessere Dinge auf der Welt als einen Affen der sich erschreckt und versucht, dich zu verscheuchen.
Die Menge an Affen hier ist einfach unvorstellbar. Wir haben mehrere Gruppen, die im oder um das Camp rum leben, so dass man an freien Tagen einfach draussen sitzen und sie beobachten kann. Die Schimpansen kommen auch manchmal durchgewandert, oder man trifft sie im Wald, und da unsere Gruppe hier an Menschen gewoehnt ist, kommt man schon recht leicht 5m an einen wilden Schimpansen ran, ein abgefahrenes Gefuehl. Auch ansonsten haben wir alles was so ein Regenwald haben sollte: Kleine Antilopen, Chamaeleons, Schlangen, Papageien, und sehr sehr viele andere Voegel. Es ist eigentlich immer laut weil irgendwas Laerm macht. Ausserdem hunderte Baum- und Pflanzenarten, und gluecklicherweise haben wir ein sehr ausgedehntes Wegesystem durch den Wald, ansonsten waere das Laufen noch anstrengender.
Einmal die Woche geht es nach Masindi, das ist die naechste Stadt, und wir kaufen Vorraete, und alles fuer den Bedarf. Sonntags geht es zur Zuckerfabrik, die haben einen Country Club mit Pool, wo wir entspannen koennen. Zucker ist in dieser Region das Haupt-Handelsprodukt, und alles ist voll mit Zuckerrohrfeldern, und Arbeitern mit Macheten die diese abernten. Wie auch schon in Kampala, sind die Menschen unfassbar lieb zu uns, und man kann sich problemlos unbedarft ueberall bewegen. Viele der an den Wald angrenzenden Doerfer stehen unserem Projekt recht positiv gegenueber glaube ich, auch wenn es natuerlich Konflikte gibt, wenn die Schimpansen mal wieder die Mangobaeume pluendern. Die Armut der Menschen ist unvorstellbar: Moses (mein Feldassistent) ernaehrt 2 Frauen (er ist recht stolz darauf, dass er sich zwei leisten kann) und 6 Kinder mit umgerechnet 40 Euro im Monat, was recht viel ist, waehrend die Inflation hier die Lebensmittelpreise rasant ansteigen laesst, und die Kinder natuerlich auch die Schule bezahlen muessen. Baustil sind entweder einfache Ziegelhuetten ohne Fenster, oder runde Lehmhuetten (die bei Weitem die Mehrheit bilden). Sowohl die Geburtenrate (Tausende Kinder. Wirklich. Tausende und Abertausende. Das Durchschnittsalter in Uganda ist 15.) als auch die Todesrate sind enorm (anscheinend erreichen nur knapp mehr als 60% aller Kinder das Erwachsenenalter, und in den 2 Wochen hier waren mindestens 4 Beerdigungen). Meistens Malaria und andere Infektionskrankheiten, eine sinnvolle medizinische Versorgung ist quasi nicht-existent, Hygiene ist anscheinend auch noch kein grosses Thema, und dazu wahrscheinlich fuer viele auch Unterernaehrung. Trotz allem ist die Atmosphaere irgendwie hoffnungsvoll, weniger schicksalsergeben als in Indien, es ist schwer zu beschreiben, die Menschen leben sehr im Hier und Jetzt, sie planen wenig (kommt eh anders), sie blicken wahrscheinlich nicht viel zurueck (schmerzhaft), sondern machen halt alles um jetzt zu ueberleben. Ich werd wahrscheinlich in spaeteren Blog-Eintraegen noch detailierter auf dieses Thema eingehen, muss mir erstmal selber klar machen, was ich darueber denke.
Alles Gute aus dem Wald! Bilder gibt es Sonntag!
Alex